Samstag, 9. September – Sonntag, 29. Oktober 2017
Petzow, Haussee

Lichtachsen im Potsdamer Stiefel

Licht – Landart – Projekt
Lichtinstallation von Rainer Walter Gottemeier
Landart: Brigitta Quast / Harry R. Sinske / Gastkünstler

„Welcher Art auch der Glanz der sichtbaren Sonne ist, er ist nur eine Erscheinungsform der letzten Schönheit, … die in das Weltall die Bilder ihrer Schönheit ausgießt wie in Spiegel mit unzähligen Oberflächen“.*¹

Das KulturForum Schwielowsee e.V. plant eine ungewöhnliche Lichtinstallation im Wasserspiegel des Haussees von Petzow, der Parklandschaft des Denkmal-ensembles von Lenné und Schinkel. Das Ereignis lässt die Kulturlandschaft in einem neuen Licht erscheinen.

Der „Potsdamer Stiefel“ ist eine Entdeckung, die sich im Zuge der Projektarbeit herauskristallisiert hat mit Blick auf die Kartografie der Potsdamer Kulturlandschaft. Die Topografie dieser Region ist durch die Gestaltungskräfte eiszeitlicher Gletscher geprägt worden. Der Potsdamer Stiefel bezeichnet die Lage und Aneinanderreihung der Seenlandschaft: Großer Zernsee, Havel (seenartige Erweiterung mit der Insel Werder), Schwielowsee, Glindowsee, Großer Plessower See und der Petzower Haussee als Glanzpunkt auf dem Stiefelspann.

Das Phänomen dieses naturräumlichen Stiefels impliziert die mediterrane Sehnsuchtslandschaft, verkörpert den Leitgedanken der Lichtinstallation.

Vierundzwanzig pulsierende Lichtstelen, die im Wind auf bewegtem Wasser schwanken und Bilder in den Seespiegel zeichnen, sind als elliptische Großform im See verankert.

Die Ellipse ist die schöpferische Figur für den Begriff des Weltalls. Denn die beiden Brennpunkte, die doppelten Pole, sind charakteristisch für das Weltall: Sie beherrschen die Bewegungen im Kosmos und sind das Symbol des Menschen mit seiner polaren Struktur von Geist und Seele. „Überall, wo Leben sei, zeige sich die Zweiheit der Pole: nicht nur in der Elektrizität, sondern in Tag und Nacht, in Sommer und Winter, in Mann und Weib“*²

Die lichthaltige elliptische Großform dient hier als Symbol und Reminiszenz an die sog. „Gärtner-Ellipse“. Diese kam zur Gestaltung von Landschaftsgärten zur Geltung, quasi als eine Kurzformel der im Garten eingesetzten Geometrie im 17. und 18. Jahrhundert.

Die auratisch blau leuchtende Ellipse wird durch eine Vielzahl von Signallichtbojen und weißen Kugelfendern umschlossen und durchdrungen. Sie visualisieren ein über den See ausgebreitetes Lichtpunktnetz, das in der Dämmerung nach und nach zu leuchten beginnt.

Stille Bildräume verwandeln sich in rhythmisch bewegte Klangbilder. Tanzende Lichtblitze „zeichnen“ visuelle/temporäre Partituren auf den dunklen Seespiegel.

In ihrer räumlichen Anordnung verkörpern die schwimmenden Objekte symbolische Sternbilder. Der Potsdamer Stiefel ist als kartografischer Raum die Region, aus dem sich die Sternenwelt im Seespiegel speist. Die Merkmale dieser Landschaft werden auf die Seefläche punktuell übertragen. Der Lebensraum ist jetzt hier der bewohnte Kosmos dieser Kulturlandschaft, verbildlicht als ein bewegter irdischer Himmel. Der am Seeufer spazierende Betrachter umwandert ein visuelles Konzert lebendiger Räume, die sich beständig neu herauskristallisieren. Das Werk korrespondiert unmittelbar mit dem Licht der Sonne. Bei völliger Dunkelheit entzündet sich ein – die Sinne und das Denken umfassendes – Erlebnis von großer synästhetischer Schönheit. Die Landschaft wird zum „Denkraum“ und das „Gehen“ zur ursprünglichsten Form des „Reisens“. im Spannungsfeld einer Synthese von Kunst, Technologie und Natur.

Rainer Walter Gottemeier, am 22. Okt. 2016

*¹Guilleaume de Auvergne (13. Jh.) aus der Schrift „de universo“
*²Aby Warburg -  Gundolf, Friedrich: George, Berlin³, 1930